Sichtweisen…

“Die Christmann Unternehmensgruppe erwirbt das Wohnhaus Kopenhagener Strasse 46 unweit des Mauerparks im Kultbezirk Prenzlauer Berg.”

Kultig (Adjektiv – Kultstatus habend): bei einer bestimmten Anhängerschaft ein hohes Ansehen, Kultstatus erlangt haben und deshalb verehrt werden, beliebt sein; dem Zeitgeschmack einer bestimmten Gruppe entsprechen.
kultbezirk prenzlauer berg
Das mit dem „kultig“ kommt also sehr auf die Sichtweise der jeweiligen Gruppe an.
Kultig fanden bislang Besucher, Zugezogene und Einheimische den Prenzlauer Berg unter anderem wegen Häusern wie die Winsstrasse 59 und das Jahnke-Haus in der Kopenhagener. Häuser mit hohen Decken, Berliner Zimmern, knirschenden Holzdielen, kleinen Balkonen, begrünten Hinterhöfen und bezahlbaren Mieten. Kultig machten diese Viertel mit Verlaub die BewohnerInnen solcher Häuser, die soziale und kulturelle Vielfalt, die Umgangsform, die Kommunikation auf Augenhöhe, das selbstbestimmte Leben und eine große Portion Toleranz. Kultig waren die Reisenden, die hier Halt machten und den Kiez bereicherten. Kultig waren die Gespräche mit den Nachbarn auf der Straße während lauer Sommerabenden. Kultig waren die Begrünungen und spontanen Aktionen der AnwohnerInnen. Kultig wäre für die meisten unter uns wohl auch ein vernünftig saniertes Haus.

kultbezirk5

Der Prenzlauer Berg hat seit der Wende immer wieder bei anderen Gruppen seinen Kultstatus erreicht und zuletzt ganz besonders bei Unternehmens- und Immobiliengruppen.
Das ist natürlich ärgerlich für uns, die wir ein anderes Weltbild verteidigen und die “neuen Werte”, mit denen z.B. die Christmanngruppe ihr Projekt in der Kopenhagener bewirbt, beim besten Willen nicht erkennen können.
Auch nicht wenn sie uns aufgedrängt werden.

Welche ist denn wohl die Zielgruppe unseres Investors für seine Projekte im “Kultbezirk”?

kultbezirk4Ist es die Gruppe, der es wichtig ist, ein Eigenheim in einem sozial funktionierenden Umfeld zu erwerben? Menschen, die in einer ruhigen Straße am Mauerpark leben möchten, damit ihre Kinder auf der Jugendfarm um die Ecke spielen können? Menschen die mit Nachbarn aller Couleur leben wollen, mit denen sie womöglich sogar ab und an ein Bierchen in der Kiezkneipe zwitschern würden?
 Diese Gruppe könnte enttäuscht werden.
Womöglich wird es nur wenige Nachbarn geben, dafür aber viele Touristen die sich für ein par Tage einmieten. Kein unkonventioneller Lebensstil mehr, dafür  vor den Cafés parkende Kinderwagen, die teurer als unsere Autos sind. Kein Sonnenuntergang im Mauerpark, dafür Blick auf Neubauten, und auch die „kultigen“ Kneipen werden nach und nach den “neuen Werten” der Unternehmensgruppen weichen.

Oder soll hier eher die Gruppe von Menschen angesprochen werden, die kein Zuhause kauft, sondern in ein Objekt investiert in dem sie selber nie leben werden? 
Diese Gruppe interessiert die Nachbarschaft und die soziale Entwicklung des Viertels herzlich wenig, solange die Gewinnspanne interessant bleibt.

kultbezirk3Vielleicht wird die ganze Immobilie ja doch komplett und frisch luxusmodernisiert weiterverkauft.
Aber wer investiert denn in so was?
Staatsfonds? Norwegen, Katar, China?
Na, denen kanns ja erst recht egal sein, dass sich der „Kultbezirk“ nach und nach in einen mittelschichtigen Einheitsmief verwandelt und der Prenzlauer Berg spätestens 2017 keine Zeile mehr in den hypen Reiseführern wert sein wird – dafür sind dann vielleicht die Bauarbeiten für die 500 Eigentumswohnungen mit “Standing” (und für den unterirdischen Staukanal) im Mauerpark abgeschlossen…

Alle Infos zu den geplanten Baustellen im Mauerpark sind hier zu finden: http://www.mauerpark.info/

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