Die Geschichten

Schwarzes aus dem Hinterhaus – von Nat aus dem Vorderhaus

Als Kind lebte Frau Schwarze mit ihren Eltern in der Lychener Str.  Nach der Schule ging sie täglich zu ihrer Oma, die in der Kopenhagener 46. wohnte. Sie ass dort zu mittag, machte ihre Hausaufgaben und spielte dann vor der Haustüre. Als Mädchen war sie dabei als, kurz nach dem Krieg, die Kastanie gepflanzt wurde, die heute so hoch gewachsen ist, dass Herr Schwarze ihr aus dem Fenster raus, mit der Küchenschere, die Äste stutzt damit sie nicht ins Wohnzimmer ragen. 1960 starb die Oma und die frisch vermählte Frau Schwarze zog mit ihrem Gatten in die Wohnung der Kopenhagener Strasse.

Nach der Wende und dem Hauskauf durch Jens Jahnke blieben sie, auch wenn sie nicht wirklich glücklich mit der Entwicklung der Hausgemeinschaft waren (schreiende Kinder, arrogante Wessis, Ausländer, vollgestellter Hinterhof etc…) so hatten sie doch immer ihr Zuhause.

Langsam wird auch Schwarzes klar, dass diesmal ihr Zuhause gefährdet ist, und natürlich können sie sich überhaupt nicht vorstellen woanders zu leben. Abgesehen davon könnten sie es sich bei den jetzigen Mietpreisen nicht leisten innerhalb des Kiez umzuziehen. Und müde sind sie sowieso – nach der Herz OP im letzten Jahr ist man ja froh endlich wieder etwas besser in Form zu sein, aber die Energie reicht nicht für einen neuen Lebensanfang – womöglich noch ausserhalb der Stadt wo man niemanden kennt „nee, da geh ich ja ein.“


Wie für uns alles begann
– ein Bericht von Maike aus dem Vorderhaus

Wohnungen in Berlin zu finden war schon vor 15 Jahren ein Abenteuer. In der Nacht um 23.00 Uhr am Bahnhof Zoo besorgte man sich direkt die druckfrischen Zeitungen mit den Immobilienteilen und wertete gleich in der nächsten Kneipe aus. Im Zeitalter ohne Handy standen wir mit vielen Groschen in der Tasche an der Telefonzelle Schlange und versuchten strategisch, die richtigen Menschen an zu rufen. 
Die armen Leute bekamen massig Anrufe in der Nacht. Am Ende fanden wir zur Kopenhagenerstrasse 46 durch Jahnkes SPD Freund, der für ihn nette Menschen für sein neues Haus zusammensuchte.

So zogen nach und nach eine ganze Gruppe junger Menschen ein, die Wohngemeinschaften bildeten. 
Wir waren eine vierer WG. Endlich konnte ich mit meiner besten Freundin, meinem Bruder und meinem alten Studienkollegen aus Bielefeld einziehen. Die Freundin von meinem Bruder zog ein Stockwerk höher mit einer tollen Frauengemeinschaft und über uns gründete Mirko eine Männer WG. Auch im Hinterhaus kamen WGs zu Stande. Und unter uns lebte das Organisationsgenie Gaby mit ihrer mongoloiden Katze. 
Wir halfen uns beim Renovieren und hatten herrliche Küchenparties am Abend. Wahnsinn was wir für eine Energie in die Renovierungen der maroden Wohnungen steckten.
Jahnke war es nur lieb, wenn wir uns selber organisierten, in seinem Auftrag Elektriker bestellten, Heizungen mit Fördergeldern selber einbauten und den Hof gestalteten.

Das erste Treffen mit unseren neuen Vermieter fand in der alten Berliner Kneipe an der Ecke bei Bier und Korn statt. Jetzt ist da schon lange statt einer Theke die Arztpraxis drin.
 Die Altmieter hatten viele Bedürfnisse nach Modernisierung und viele Ängste standen im Raum. Wie ist er wohl der neue Eigentümer? Wir lernten schnell, dass Jens Jahnke wahrlich ein Herz fürs Soziale hatte. Er wollte aus dem Hinterhaus eine Zuflucht für alleinerziehende Mütter machen, das Haus in ein Passivwärmehaus umgestalten und eine Spiegelkonstellation anbringen, so dass alle Wohnungen genug Licht bekamen. Legendär ist die Geschichte, dass wir nie Fahrradplätze im Hof einrichteten, da der Platz für Jens TukTuk aus Indien reserviert war, das irgendwann kommen sollte. Regelmäßig haben wir uns mit Jens Jahnke und Martina getroffen, gemeinsam tolle Abende verbracht und sie auch gerne in ihrem neuen zu Hause in Eichhorst getroffen.
Die filmreife Liebesgeschichte von Martina und Jens hat uns alle zu Tränen gerührt.  Ich hoffe diese Liebe über die Mauer und Jahrzehnte hin weg wird aufgeschrieben und gerät nicht in Vergessenheit, wir haben sie alle als Schatz in uns bewahrt.

Ich möchte Jens und Martina für ihr Herz für das Soziale danken. Wir brauchen mehr denn je Hauseigentümer, die ein Verständnis für menschlichen Wohnraum haben, denn ohne sie leben wir bald in einer Hochglanz Stadt, die nur für Menschen mit dem nötigen Kapital offen ist. Ohne Euch wäre das Haus schon lange Luxussaniert und an den Meistbietenden verkauft worden. 

Die Chronik einer angekündigten Entmietung verfolgen

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